01.11.2018

 

Freunde fürs Leben. Es ist wunderbar, wenn man sie hat.

Freunde, die sich lange und gut kennen. Freunde, die sich mögen, akzeptieren und schätzen. Freunde, mit denen man über lange Zeit verbunden ist. Freunde, die Bescheid wissen über das Leben der anderen. Freunde, die Anteil nehmen.

Freunde, die bleiben, auch wenn sich manches im Leben ändert. Freunde, mit denen man sich auch nach einer längeren Pause schnell wieder wohl fühlt.  Freunde, auf die man sich verlassen kann.

Freunde fürs Leben.

 

Wenn es Freunde fürs Leben gibt:

Gibt es auch Freunde fürs Sterben?

Ja, die gibt es.

 

Ich habe das – aus der Ferne – miterlebt. Davon bin ich berührt und beeindruckt.

 

Ich hatte eine Freundin, Brigitte.

Brigitte ist im März an Krebs gestorben. Sie war 73 Jahre alt. Sie hat allein gelebt, hatte keinen Mann und keine Kinder.

Aber sie hatte Freunde. Gute Freunde, die im Leben da waren. Freunde, die auch im Sterben da waren. Ein kostbares Geschenk.

 

Brigitte und ich haben uns vor vielen Jahren im Urlaub in Griechenland kennengelernt.

Sie hat in Norddeutschland gelebt, ich in Österreich. Später bin ich zwar in den Südwesten von Deutschland gezogen, aber immer noch waren mehrere 100 Kilometer zwischen unseren Wohnorten.

Trotz der großen Entfernung sind wir in Verbindung geblieben. Wir haben uns geschrieben. Einmal haben wir später noch zusammen Urlaub gemacht. Brigitte hat mich auch zu Hause besucht. Und sie war bei meiner Hochzeit dabei.

In den ersten Jahren nach unserem Kennenlernen hatten wir recht viel Kontakt. Irgendwann ist der Kontakt lockerer geworden. Lebensumstände haben sich verändert. Wir haben uns weniger lang und weniger oft geschrieben und uns nicht mehr getroffen.

Aber wir wollten den Austausch nicht ganz abbrechen. Wir waren keine engen Freundinnen, aber im Lauf der Zeit ist ein Gefühl von Zuneigung und Verbundenheit zwischen uns gewachsen. Das wollten wir bewahren.

 

Vor einigen Jahren hat Brigitte erfahren, dass sie Krebs hatte. Sie hat mir davon erzählt. Sie hat auch erzählt, dass sie gute Freunde hat, die bei ihr waren. Die Freunde haben sie ins Krankenhaus begleitet und zu Hause besucht. Sie haben ihr geholfen, wenn sie Hilfe gebraucht hat.

In den folgenden Jahren gab es mehrere Untersuchungen, Operationen und Behandlungen. Es gab Zeiten, in denen Brigitte sich ganz gut gefühlt hat und in denen sie Hoffnung auf Heilung hatte. Es gab auch schlechte Zeiten, in denen die Krankheit deutlich spürbar war.

Die Freunde waren an Brigittes Seite und sie war dankbar dafür. Das hat sie mir gegenüber mehrfach erwähnt.

Irgendwann war klar: Brigitte wird nicht mehr gesund. Die Krankheit wird zum Tod führen.

 

Und irgendwann habe ich auf meine Post keine Antwort mehr bekommen. Ich habe versucht, Brigitte telefonisch zu erreichen. Das hat nicht geklappt.

Ich habe geahnt, dass das kein gutes Zeichen ist. Vermutlich war Brigitte nicht mehr in der Lage, zu schreiben oder zu telefonieren. War sie überhaupt noch am Leben?

Schließlich habe ich noch einmal an Brigitte geschrieben. Ich habe darum gebeten, dass jemand von ihren Freunden mir kurz Bescheid gibt, wie es ihr geht.

 

Nach einiger Zeit habe ich Post von einer mir unbekannten Frau bekommen. Auf dem Briefumschlag habe ich gesehen, dass sie in derselben Stadt wohnt wie Brigitte.

Bevor ich den Brief geöffnet habe, habe ich gespürt: Im Brief ist eine Todesnachricht. Brigitte ist gestorben.

So war es. Im Briefumschlag war eine Kopie von Brigittes Todesanzeige. Ihr Freundeskreis hatte die Anzeige in persönlichen Worten geschrieben. Die Anzeige wurde auch in der Zeitung veröffentlicht.

Die Frau, die mir die Anzeige geschickt hat, war eine Freundin von Brigitte. Ich nenne sie hier Helga.

Helga hat in ihrem Brief auch von Brigittes letzten Lebenswochen erzählt:

Es ist Brigitte immer schlechter gegangen. Mit der Unterstützung ihrer Freunde war sie noch lange in ihrer eigenen Wohnung. Als das nicht mehr möglich war, ist Brigitte in ein Hospiz umgezogen. Dort hat sie ihre letzten Lebenswochen verbracht. Auch im Hospiz hat sie Besuch von ihren Freunden bekommen.

Irgendwann war klar: Brigitte wird nur mehr wenige Tage leben. Ab diesem Zeitpunkt war immer jemand bei ihr. Auch nachts haben die Freunde Brigitte nicht mehr alleine gelassen.

Helga hat geschrieben, dass Brigitte am Ende starke Medikamente bekommen hat, damit sie keine Schmerzen spürt. Schließlich konnte Brigitte friedlich sterben. Jemand aus dem Freundeskreis war bei ihr, als sie ihre letzten Atemzüge gemacht hat.

 

Helga hat sich dann darum gekümmert, dass auch Leute von weiter weg die Nachricht von Brigittes Tod erhalten. Darum hat Helga auch mich verständigt.

Darüber war ich sehr froh. Und ich war dankbar für Helgas Bericht über die letzte Lebenszeit von Brigitte. Es war gut zu erfahren, dass Brigitte so liebevoll begleitet wurde. Und dass sie ohne Schmerzen und in Frieden sterben konnte.

 

Zu ihrem Geburtstag im September habe ich Brigitte früher immer gratuliert. In diesem Jahr war das nicht mehr möglich.

Ich habe Helga geschrieben und ein bisschen Geld mitgeschickt. Im Brief habe ich Helga gebeten, Blumen für Brigittes Grab zu kaufen.

Helga hat das gemacht. Danach hat sie mir ein paar Fotos vom Grab geschickt. Eine andere Freundin von Brigitte hat die Aufgabe übernommen, das Grab zu pflegen. Mir gefällt, wie sie das Grab gestaltet hat. Es passt zu Brigitte.

Auf einem Foto hat man einige Freunde von Brigitte gesehen. Sie haben gemeinsam einen Ausflug gemacht und das Grab besucht.

 

Ein Freundeskreis, der da ist im Leben, im Sterben und darüber hinaus: Wie schön. Das berührt mich.

Darum glaube ich: Obwohl die Krankheitszeit auch eine Leidenszeit war, hatte Brigitte Glück. Weil sie solche Freunde hatte.

Ich denke mir: Wenn sie schon sterben musste, konnte sie auf diese Weise gut sterben.

Sie war nicht allein. Vertraute Menschen waren bei ihr. Die Freunde waren verlässlich und langfristig an ihrer Seite. Brigitte hat bis zum Schluss viel Unterstützung und Zuwendung bekommen.

 

Gut, dass nicht nur ein oder zwei Leute da waren, sondern eine Gruppe von Freunden. So konnte man sich die Belastung aufteilen. Denn bestimmt war diese Zeit für den Freundeskreis eine große Herausforderung.

Auch, wenn man von guten Freunden einiges erwarten oder erhoffen kann: Es war nicht selbstverständlich, was diese Menschen für Brigitte getan haben.

Ich vermute aber, dass die Freunde im Nachhinein selbst sehr froh sind. Sie haben erlebt:

Wir haben durchgehalten. Wir haben es gemeinsam geschafft. Wir haben unsere Freundin begleitet und waren für sie da. Bis zum Ende.

 

Ich denke öfter an Brigitte. In verschiedenen Situationen. Ich freue mich, dass ich ihr begegnet bin. Ich freue mich über die vielen Jahre, in denen wir aus der Ferne Anteil am Leben der anderen genommen haben.

Und es ist schön, dass ich von Brigittes Freundeskreis erfahren habe.

Ich wünsche diesen Freunden, dass sie weiter zusammenhalten, gemeinsam  auf dem Weg bleiben und treue Freundschaft erleben.