04.01.2018

 

Karla legt den Telefonhörer auf. Sie ärgert sich: ‚Das ist doch wieder typisch.‘

Karlas Bruder Richard hat gestern versprochen, die Mutter vom Bahnhof abzuholen.

Und jetzt gerade hat Richard angerufen und gesagt: „Ich kann die Mutter nicht abholen. Mein Chef braucht mich heute länger. Fahr du bitte und hol sie ab.“

Das ist ärgerlich. Karla wollte heute etwas anderes machen. Jetzt muss sie umplanen. Das stresst sie. Warum ist Richard so unzuverlässig?

 

Später sitzt Karla im Auto und ist auf dem Weg zum Bahnhof. Sie spürt noch den Ärger über Richard.

Auf der Fahrt fällt Karla ein, dass sie sich auch gestern über jemanden geärgert hat:

Sie hat drei Freundinnen zum Essen eingeladen. Die eine Freundin, Renate, ist viel zu spät gekommen. Außerdem wollte Renate einen Kuchen mitbringen. Doch das hat sie vergessen. Sie ist ohne Kuchen gekommen.

Als Renate endlich da war, hat sie sich gar nicht richtig entschuldigt. Sie hat gesagt: „Jetzt bin ich ja da, das ist die Hauptsache. Und Kuchen macht ja nur  dick.“ Dazu hat sie gelacht.

Karla hat das nicht witzig gefunden. Auch im Nachhinein findet sie es nicht witzig. Sie findet das Verhalten von Renate rücksichtslos den anderen gegenüber. So benimmt man sich nicht als Gast.

 

Jetzt muss sich Karla aber auf etwas anderes konzentrieren. Sie hat den Bahnhofsplatz erreicht und sucht einen Parkplatz. Einmal muss sie im Kreis fahren. Doch dann entdeckt Karla sogar zwei Parkplätze nebeneinander.

Als Karla den richtigen Bahnsteig gefunden hat, kommt gerade der Zug an. Wenige Menschen steigen aus.

 

Da ist die Mutter! Karla winkt. Die Mutter sieht entspannt aus.

Als die beiden zum Auto gehen, erzählt die Mutter von der Zugfahrt:

‚Im Zug war eine Frau mit einem kleinen Kind. Die Frau hat ihre Fahrkarte nicht gefunden. Als der Schaffner gekommen ist, hat sie in allen Taschen gesucht. Immer wieder hat sie gesagt: Ich habe eine Fahrkarte. Die muss irgendwo sein. Ich habe eine Fahrkarte.

Das Suchen hat gedauert. Der Schaffner war trotzdem freundlich und geduldig. Er hat gewartet. Irgendwann hat er gesagt: Ja, bestimmt ist die Fahrkarte irgendwo. Ich glaube Ihnen, dass Sie eine Fahrkarte haben. Lassen Sie das Suchen. Es ist in Ordnung. Sie steigen ja schon bei der nächsten Station aus. Einen schönen Abend noch.

Die Frau war erstaunt. Sie war natürlich auch erleichtert. Und wir anderen waren auch erstaunt. Wir konnten es zuerst gar nicht glauben.‘

Als die Mutter Karla jetzt davon erzählt, sagt sie: ‚Das war wirklich ein netter Schaffner. Nicht jeder ist so. Das war sehr großzügig von ihm.‘

 

Großzügig, ja, das war er. Das findet Karla auch. Großzügig. Das Wort berührt sie irgendwie.

 

Karla bringt ihre Mutter nach Hause. Als sie danach zu ihrem eigenen Haus zurückfährt, ist sie nachdenklich.

Sie denkt über das Großzügig-Sein nach.

Karla denkt daran, dass vor Kurzem jemand zu ihr gesagt hat: Sei nicht so kleinlich. Das hat Karla getroffen. Dieser Satz beschäftigt sie immer noch.

Kleinlich ist das Gegenteil von großzügig.

Wer kleinlich ist, rechnet oft nach:

Ist das gerecht? Komme ich zu kurz? Was macht der andere falsch?

Wer kleinlich ist, merkt sich Fehler von anderen genau.

 

Karla will nicht kleinlich sein.

Karla denkt jetzt wieder an den Ärger über ihren Bruder Richard und über ihre Freundin Renate.

 

Bei Richard muss man mit kurzfristigen Absagen oder Terminverschiebungen rechnen. So wie heute. Das mag Karla nicht besonders. Das ärgert sie.

Aber Richard ist sehr hilfsbereit. Und wenn es wirklich wichtig ist, kann man sich auf ihn verlassen.

Richard hat die Mutter dieses Mal nicht abgeholt. Aber sonst kümmert er sich viel und liebevoll um die Mutter.

 

Renate geht mit manchen Situationen locker um. Das mag Karla auch nicht besonders. Das ärgert sie auch.

Aber Renate nimmt es ebenso locker, wenn jemand anderer zu spät kommt, etwas vergisst oder eine dumme Bemerkung macht. Sie hält sich mit so etwas nicht lange auf und ist nicht nachtragend.

Gestern ist sie zu spät gekommen und hat den Kuchen vergessen. Aber immerhin hat sie nachher an der Tankstelle noch Süßigkeiten geholt. Als Kuchen-Ersatz.

 

Karla überlegt: ‚Mein Ärger ist mir schon wichtig. Er zeigt mir: Da passt etwas für mich nicht. Da läuft etwas nicht gut.

Aber vielleicht ärgere ich mich manchmal zu schnell? Vielleicht bleibe ich manchmal zu lange in meinem Ärger?

Vielleicht kann ich manchmal etwas großzügiger sein?

Vielleicht kann ich manchmal jemanden einfach so lassen, wie er ist?

Wenn der Ärger kommt, ist das trotzdem in Ordnung. Ich darf mich ärgern.

Aber dann kann ich den Ärger auch wieder lassen. Ich muss den Ärger nicht lange mit mir herumschleppen. Weil kein Mensch perfekt ist. Ich bin auch nicht perfekt. Ich habe auch Schwächen. Ich kann kleinlich und nachtragend sein.

Ob es sich besser anfühlt, wenn ich großzügiger bin? Ich werde es ausprobieren.‘

 

Karla kommt zu Hause an. Sie parkt das Auto in der Einfahrt.

Als sie die Tür aufsperrt, hat sie plötzlich den Gedanken: ‚Hier kommt die großzügige Karla.‘ Da muss Karla schmunzeln.

In der Küche steht viel schmutziges Geschirr. Auf den Abwasch hat Karla aber gar keine Lust mehr. Sie schließt die Tür zur Küche und geht ins Wohnzimmer:

‚Es ist zu spät und ich bin zu müde. Ich wasche das Geschirr morgen ab. Jetzt lese ich noch ein bisschen und dann gehe ich ins Bett. Ich bin großzügig, auch zu mir selbst.‘

Das fühlt sich gut an. Und Karla lächelt wieder.

 

 

[Beitragsbild von Didgeman (über pixabay)]