05.09.2018

 

Stell dir vor, du sitzt im Zug.

Davor hast du einige Minuten auf dem Bahnsteig gewartet. Dort war es windig und kühl. Du hast gefroren. Doch als du in den Zug eingestiegen bist, hast du Wärme gespürt. Das hat gutgetan.

Du hast das Abteil mit deinem reservierten Platz gefunden. Du hast dein Gepäck auf eine Ablage gestellt.

Du hast dich auf deinen Platz gesetzt. Der Sitz dir gegenüber war sogar frei. Du konntest deinen Rucksack dort abstellen und deine Beine ausstrecken. Dir schräg gegenüber sitzt ein junger Mann. Er hat freundlich gegrüßt und dann wieder auf sein Handy geschaut.

Dein Blick wandert durch das Abteil. Überall sind Menschen, aber es ist nicht ganz voll. An einigen Stellen gibt es noch freie Sitzplätze.

Gut, dass die Heizung funktioniert. Langsam wird dir warm. Da kommt sogar jemand mit einem Rollwagen vorbei und bietet heiße Getränke an. Du kaufst dir einen Kaffee und genießt den ersten Schluck.

Dann holst du ein Buch aus deinem Rucksack und beginnst zu lesen. Etwa eine halbe Stunde lang ist es angenehm ruhig.

 

Doch dann kommt Bewegung ins Abteil.

Mehrere Leute gehen vorbei. Einige scheinen einen Sitzplatz zu suchen. Da und dort entstehen Gespräche.

Schließlich gibt es eine Durchsage:

„Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit: In Wagen 15 ist leider die Heizung ausgefallen. Wir müssen die Fahrgäste aus Wagen 15 auf die anderen Wagen verteilen. Bitte nehmen Sie Ihr Gepäck von den Sitzen. Machen Sie diese Plätze für andere Fahrgäste frei. Wir bitten um Ihr Verständnis.“

 

Noch mehr Menschen kommen ins Abteil. Man hört viele Stimmen durcheinander. Mit der Ruhe ist es vorbei.

‚Oje, jetzt wird es eng‘, denkst du. Da kommt auch schon eine Frau und fragt, ob der Sitzplatz dir gegenüber frei ist. „Ja, der Platz ist frei“, antwortest du und nimmst deinen Rucksack auf den Schoß.

Ein Mann, der hinter dir sitzt, schimpft halblaut: „Hee, Sie, Können Sie nicht aufpassen? Das ist jetzt schon der zweite, der mir auf die Füße tritt! Kann die Bahn denn nicht dafür sorgen, dass die Heizung funktioniert? Wir haben doch für unsere Plätze bezahlt! Jetzt ist hier so ein Gedränge! Da kann man ja gar nicht mehr in Ruhe arbeiten!“

Ein anderer Mann geht gerade vorbei. Er antwortet ärgerlich: „Nicht nur Sie haben bezahlt. Wie haben auch bezahlt. Dann sitzen wir zuerst in einem kalten Abteil, und jetzt müssen wir noch mit unseren ganzen Sachen hier durch und einen anderen Platz suchen.“

 

Abgesehen von diesen beiden Männern bleiben die Leute ziemlich ruhig.

Sie machen Platz für die, die neu dazukommen. Die meisten Leute gehen höflich miteinander um.

Manche schauen kurz auf, machen Platz und grüßen. Dann machen sie weiter, was sie vorher gemacht haben: Sich unterhalten, lesen oder schlafen.

Einige wenige sind besonders freundlich und hilfsbereit. Jemand winkt eine ältere Frau zu sich: „Kommen Sie, hier ist noch ein Platz! Warten Sie, ich helfe Ihnen mit dem Koffer.“

Einigen Menschen sieht man an, dass sie genervt sind. Manche sagen das auch.

Andere scheinen sich zu freuen, dass etwas los ist und dass sie neue Gesprächspartner finden.

 

Irgendwann ist die Unruhe im Abteil vorbei.

Die Leute haben ihre Plätze gefunden und ihr Gepäck abgestellt. Andere sind in ein anderes Abteil weitergegangen oder sitzen auf dem Gang.

 

Was ist da passiert?

Lass uns noch einmal darüber nachdenken:

Am Beginn der Zugfahrt war es ruhig. Dir und den anderen Leuten war das angenehm. Als dann immer mehr Leute gekommen sind, ist es unruhig geworden.

Für die meisten, die das kalte Abteil verlassen mussten, war das mühsam und ärgerlich. Und die meisten Leute im warmen Abteil haben sich gestört gefühlt, zumindest ein bisschen.

Aber die Situation war so, wie sie war. Man musste damit zurechtkommen. Und schließlich konnten die Menschen eine neue Ordnung herstellen.

 

Es war wohl allen klar:

Wer gleich einen warmen Platz gefunden hat und nicht wieder aufstehen musste, hatte Glück.

Die Leute im kalten Abteil hatten Pech. Sie waren nicht schuld daran, dass die Heizung kaputt war. Sie wollten natürlich nicht in der Kälte bleiben und haben sich neue Plätze gesucht. Das konnten die anderen verstehen.

Darum waren die meisten Menschen im warmen Abteil bereit, zusammenzurücken und Platz zu schaffen. Jeder hat auf seine Weise reagiert. Die einen etwas ärgerlich, die anderen sachlich, wieder andere besonders nett. Aber fast jeder hat die Situation verstanden und sich angepasst.

 

So eine Situation könnte es in einem Zug geben.

Doch lass uns nun an eine andere Situation denken:

 

Lass uns an die vielen Menschen denken, die in unser Land gekommen sind. An die vielen Geflüchteten.

Die meisten haben die Flucht nicht gewollt. Aber sie haben irgendwann keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Sie waren in ihrer Heimat in einer schwierigen Lage. Sie haben sich das nicht ausgesucht.

Aus Verzweiflung und Angst haben sie ihr Land verlassen. Sie haben sich auf den Weg in andere Länder gemacht. Es war nicht ihre Schuld, dass sie flüchten mussten.

Viele sind auch in unser Land gekommen.

Sie haben viel Schlimmeres erlebt als eine kaputte Heizung.

Sie haben viel Schlimmeres erlebt als ein kaltes Zugabteil.

 

Auch wir haben uns nicht ausgesucht, wo wir geboren wurden. Wir haben das Glück, dass es in unserem Land weitgehend Stabilität und Frieden gibt. Wir müssen nicht über Flucht nachdenken. Dafür können wir dankbar sein.

 

Sollten wir dann nicht bereit sein, zusammenzurücken und Platz zu machen?

Sollten wir nicht bereit sein, den Weg gemeinsam weiterzugehen? Gemeinsam mit denen, die neu dazugekommen sind?

Sollten wir nicht bereit sein, miteinander eine neue Ordnung zu finden?

Sollten wir nicht bereit sein, unsere Lebenswelt miteinander zu gestalten?

 

Ich denke, das sollten wir.

Auch, wenn es uns erst einmal stört. Auch, wenn es erst einmal unbequem ist.

Das sollten wir tun als Menschen für Menschen. Weil wir selbst ziemlich viel Glück gehabt haben.

Lass uns die anderen als Mitmenschen sehen.

Lass uns beitragen zu einem guten Miteinander.

Lass uns beitragen zum Frieden. Auf unserem Platz. In unserem Land.

 

 

[Beitragsbild von gunamalik (über pixabay)]