08.05.2018

 

Inga ist glücklich.

Sie kann es kaum glauben: ‚Ich bin wirklich hier. Ich bin wieder hier. In meinem Lieblingspark auf meiner Lieblingsbank.‘

Inga sitzt, schaut sich um und ist froh.

 

Sie weiß: Es ist nicht selbstverständlich, dass sie jetzt hier sitzen kann.

 

Inga bemerkt eine ältere Frau im Rollstuhl. Eine zweite, jüngere Frau ist dabei. Sie schiebt den Rollstuhl. Vielleicht sind es Mutter und Tochter.

Inga schaut der Frau im Rollstuhl und ihrer Begleiterin nach.

Für die ältere Frau ist es auch nicht selbstverständlich, dass sie hier ist. Sie kann nicht alleine herkommen. Sie braucht jemanden als Begleitung. Sie muss darauf warten, dass jemand Zeit für sie hat.

 

Inga atmet tief durch. Sie ist zum ersten Mal nach langer Zeit wieder hier. Und es ist wunderbar.

Normalerweise kommt Inga im Frühling und im Sommer jede Woche in diesen Park. Sie fährt zuerst von zu Hause aus ein Stück mit dem Bus. Dann hat sie noch 20 Minuten Fußweg vor sich, bis sie den Park erreicht.

Sie setzt sich dann auf „ihre“ Bank. Sie schaut sich um, ruht sich aus, lässt die Gedanken wandern. Meistens nimmt sie etwas zu lesen und zu trinken mit.

Wenn Inga ihren Lieblingsplatz lange genug genossen hat, spaziert sie zurück zum Bus.

 

Das liebt Inga besonders:

Hier auf ihrer Bank hat sie Zeit für sich.

Sie genießt den schönen Platz mit dem vielen Grün und dem Springbrunnen.

Der Spaziergang vom Bus zum Park und zurück tut ihr gut.

 


 

Inga hat ihre kleinen Ausflüge in den Park sehr vernmisst.

Inga war nämlich im Krankenhaus und hatte eine schwere Operation.

Nach der Operation hatte Inga Schmerzen. Eine Zeitlang hat sie sich sehr schwach gefühlt.

Sie konnte nur langsam ein paar Schritte auf dem Gang vor ihrem Krankenzimmer gehen. Nach wenigen Minuten war sie müde und musste zurück ins Bett.

Oft hat Inga im Krankenhaus sehnsüchtig aus dem Fenster geschaut. Draußen hat sie das sonnige Frühlingswetter gesehen. Warme Luft, blauer Himmel, blühende Pflanzen. Wie gern wäre Inga draußen gewesen.

 

Nach und nach hat Inga sich wieder erholt. Sie durfte zurück nach Hause.

Sie war dankbar, dass sie auf ihrer Terrasse sitzen und in ihren Garten schauen konnte. Inga hat wieder kurze Spaziergänge gemacht. Am Anfang hat sie sich aber noch nicht alleine aus dem Haus getraut. Sie hat gemerkt, dass ihre Kraft noch gering war.

 


 

Inzwischen sind einige Wochen vergangen. Inga fühlt sich meistens wieder gut. Nur manchmal fühlt sie sich verletzlich.

Inga ist heute zum ersten Mal wieder allein im Park. Sie hat es geschafft. Sie hat wieder genug Kraft dafür. Deshalb ist Inga heute so glücklich.

 

Jetzt sitzt sie auf der Bank und beobachtet die Menschen, die im Park sitzen, spazieren, laufen, spielen.

Inga fragt sich:

 

Ob die Menschen darüber nachdenken, dass sie gesund sind? Dass sie hierher kommen und das gute Wetter genießen können? Und dass andere Menschen das nicht können?

 

Ob die Menschen dankbar für ihre Freiheit sind? Sie können entscheiden, aus dem Haus zu gehen. Die meisten brauchen keine Hilfe dabei. Sie können sich bewegen. Sie haben Kraft, um Wege zurückzulegen.

Ob die Menschen darüber nachdenken, wie gefangen man sich fühlen kann? Wenn man nur aus dem Fenster schauen kann. Wenn man nicht hinaus kann, weil man zu krank oder zu schwach ist.

 

Inga kann nicht sagen, ob die Menschen darüber nachdenken. Sie selbst ist sehr nachdenklich.

 

Aber sie ist auch sehr dankbar.

Sie weiß: Es ist nicht selbstverständlich, dass sie jetzt hier sitzen kann.

 

Es ist nicht selbstverständlich, dass sie alleine hierher kommen konnte.

Umso mehr freut Inga sich über die Zeit im Park.

 

Inga bleibt heute besonders lange auf ihrer Bank sitzen.

 

Sie will diese kostbaren Momente tief in ihr Herz aufnehmen.

Heute ist das Leben wunderschön.

 

 

 

[Beitragsbild von Lost-super (über pixabay)]