03.04.2018

 

Vor einigen Wochen war ich krank. Irgendwann war ich wieder gesund. Ich hatte aber noch lange danach Probleme mit meiner Stimme.

Sie war heiser und rau. Ich hatte ein unangenehmes Gefühl im Hals. Jedes Mal, wenn ich länger sprechen musste, war das total anstrengend. Ich konnte die Stimme nicht belasten.

 

Außerdem hatte ich zeitweise Probleme mit dem Atmen und das Gefühl von Enge in der Brust.

Zuerst habe ich gehofft, dass das von alleine langsam besser wird. Es wurde aber nicht besser. Dann bin ich zu einer Ärztin gegangen.

 

Sie hat mir gesagt: Sie dürfen einige Tage nicht sprechen. Sprechen Sie so wenig wie möglich. Sie müssen Ihre Stimme schonen.

 

Für kurze Zeit kann es eine interessante Erfahrung sein, wenig zu sprechen.

Man hört mehr zu, beobachtet mehr. Man antwortet nicht direkt.

Und man wird kreativ: Ausdrücken kann man sich auch mit dem Gesicht, mit den Händen, mit dem ganzen Körper.

 

Wenn man aber längere Zeit nicht sprechen soll, ist das schwierig:

Die Einschränkung wird immer unangenehmer.

Es gibt so viele Situationen, in denen man reden will oder muss.

 

Ich konnte eine Zeitlang nicht arbeiten gehen.

Ich konnte schlecht telefonieren.

Ich musste ein Treffen mit einer Freundin absagen. Ich war auch sonst möglichst wenig außer Haus unterwegs. Denn je weniger Menschen ich treffe, umso weniger spreche ich.

 

Sprache spielt aber auch zu Hause in der Familie eine große Rolle.

Ich habe gemerkt: Wenn ich wenig sprechen soll, geht es zuerst um kurze Mitteilungen und um Organisation:

– Wir müssen heute noch einkaufen.

– Wann kommst du nach Hause?

– Ich gehe in den Keller.

– Bitte räum dein Zimmer auf.

– Ich möchte heute früh ins Bett gehen.

 

Wenn man in der Familie nur über solche Sachen spricht, fehlt etwas:

Der Austausch, das Erzählen, das Kommentieren, das Nachfragen. Gespräche über Erlebnisse und Eindrücke.

Gemeinsame Mahlzeiten sind eine Gelegenheit für Gespräche.

Manchmal sprechen wir viel beim Essen. Manchmal sind wir ziemlich still.

Aber es ist ein Unterschied, ob ich still sein WILL oder still sein MUSS.

 

Ich erinnere mich auch an zwei Situationen auf der Straße:

Bekannte waren in der Nähe. Nicht direkt neben mir, aber in Sichtweite. Beide Male wollte ich eigentlich kurz mit den Personen sprechen. Ich habe aber nur die Hand zum Gruß gehoben und bin weitergegangen.

Auch in diesem Fall war spürbar: Ich bin eingeschränkt, wenn ich nicht reden soll. Ich fühle mich unfrei. Ich kann mich nicht so verhalten, wie ich es möchte.

Es ist auf Dauer anstrengend, wenn ich immer überlegen muss: Ist es in diesem Moment wichtig, etwas zu sagen? Oder kann ich es lassen und meine Stimme schonen?

 

Diese Zeit war schwierig. Probleme mit der Stimme, Probleme mit dem Atmen. Das Gefühl von Einschränkung. Das Erleben von Verletzlichkeit.

 

 

Es gibt aber auch noch einen anderen Blickwinkel. Ich kann Gutes an dieser Situation entdecken:

 

  • Wenn ich nicht sprechen darf, denke ich mehr über das Sprechen nach.

Ich spreche weniger spontan. Manchmal ist das sinnvoll.

 

Wenn ich kurz davor bin, jemanden zu ermahnen, zu drängen, zu kritisieren:

Dann kann es sich lohnen, kurz zu zögern.

Vielleicht lasse ich die dritte Ermahnung weg und warte ab, was passiert?

Vielleicht lasse ich dem anderen etwas mehr Zeit?

Vielleicht kann ich eine Bitte aussprechen statt einer Kritik?

Vielleicht fühlen wir uns wohler miteinander, wenn es weniger Druck und mehr Nachsicht gibt?

 

 

  • Außerdem ist es so: Wenn ich meine Stimme wenig beanspruchen soll, muss ich bewusster auswählen. Wofür setze ich meine Stimme ein?

 

Ich will meine Stimme vor allem für Wesentliches einsetzen.

Was ist mir sehr wichtig? Was will ich auf jeden Fall sagen? An welcher Stelle liegt mir viel daran, dass man mich hört?

 

Ich will mit meiner Stimme Gutes sagen.

Manchmal muss ich anderen Unangenehmes sagen. Manchmal muss ich aussprechen, was mich stört und ärgert. Das hat seine Berechtigung.

Es gibt aber auch immer wieder Gelegenheiten, Zuneigung und Anerkennung in Worte zu fassen. Ich will diese Gelegenheiten nutzen.

 

Auch wenn ich über andere Menschen spreche, habe ich die Wahl: Ich kann eher das Gute betonen oder das Schlechte.

 

 

  • Das fällt mir ebenfalls auf:

Meine Stimme funktioniert nicht wie gewohnt. Ich kann nicht so viel reden, wie ich will. Und schon das wenige Reden ist anstrengend.

Dadurch bekommt dieser Körperteil meine Aufmerksamkeit:

Was ist mit meiner Stimme? Warum ist sie so schwach?

Warum ist mein Hals so trocken? Was brauchen mein Rachen, meine Stimmbänder?

Wie kann ich meiner Stimme Gutes tun?

Ich wende mich meinem Körper zu. Ich wende mich mir selbst zu. Ich kümmere mich um das, was ich brauche. Ich gehe fürsorglich mit mir um.

 

 

  • Und diese Situation zeigt mir wieder einmal: Nichts ist selbstverständlich.

Gesundheit nicht. Sprechen nicht. Atmen nicht.

Ich weiß und erlebe am eigenen Körper:

Überall kann es eine Störung geben. Ich kann krank werden. Ich kann verschiedene Fähigkeiten verlieren. Dauerhaft oder vorübergehend.

 

Zum Glück geht es mir inzwischen besser. Ich darf wieder sprechen.

Ich kann die Stimme noch nicht so belasten wie früher. Aber ich bin jetzt zuversichtlich, dass es wieder gut wird.

 

Ich freue mich, wenn ich (wieder) gesund bin.

Ich staune über meinen wunderbaren Körper. Er macht so viel, er kann so viel, er ermöglicht mir so viel. 

Dafür bin ich dankbar. Ich will meinen Körper gut behandeln.

Ich habe jetzt neue Aufmerksamkeit für meine Stimme. Ich will sie pflegen und bewusster einsetzen.

Ich will schöne Augenblicke und gesunde Tage genießen.

 


 

Hast du Ähnliches schon erlebt?

Wie bist du mit der Situation umgegangen? Hast du etwas daraus „gelernt“?

Welche Gedanken hast du dir gemacht? 

 

Ich freue mich, wenn du erzählen möchtest.

 


 

 

[Beitragsbild von Deedee86 (über pixabay)]