16.11.2017

 

Ich unterrichte Deutsch für Migrantinnen.

(Anmerkung: Ich verwende im Text die weibliche Form, weil ich meistens Frauen als Schülerinnen habe.) 

 

In meinem Unterricht geht es um die deutsche Sprache.

Ich soll und will Deutsch unterrichten.

Die Kursteilnehmerinnen sollen und wollen Deutsch lernen.

 

Wir beschäftigen uns mit Grammatik, Rechtschreibung und Aussprache. Wir lernen Wörter, lesen Texte, machen schriftliche und mündliche Übungen.

Immer wieder zwischendurch geht es auch um Landeskunde. Da besprechen wir Dinge, die mit Deutschland und dem Leben in diesem Land zu tun haben.

Ich erzähle dann zum Beispiel etwas über Weihnachtsbräuche, über das politische System oder über Sehenswürdigkeiten in Deutschland.

 

Wir unterhalten uns aber auch über alltägliche und praktische Dinge. Ich merke: Das ist den Teilnehmerinnen wichtig. Dafür muss Zeit sein.

 

Nützliche Tipps und hilfreiche Kontakte

 

Die Frauen erzählen einander zum Beispiel, wo man gerade günstig einkaufen kann.

Auch Essen, Kochen und Backen ist ein Thema. In der Pause wird gegessen und getrunken. Manchmal bringt jemand selbstgemachtes Essen mit.

In den verschiedenen Heimatländern gibt es verschiedene Spezialitäten. Die Frauen probieren gern unbekannte Speisen und tauschen manchmal Rezepte aus.

Wer ältere Kinder hat, weiß oft besser über das Schulsystem in Deutschland Bescheid. Die Mütter von jüngeren Kindern hören gern zu, wenn die anderen über ihre Erfahrungen mit Schulen sprechen.

 

Wenn die Frauen sich ein bisschen besser kennen, entstehen zwischen Einzelnen  freundschaftliche Beziehungen. In einigen Fällen gibt es Kontakte auch über den Deutschkurs hinaus:

Eine Kursteilnehmerin ist Malerin. Sie gibt der Tochter von einer anderen Teilnehmerin Malunterricht.

Auch die Töchter von zwei Frauen haben sich kennengelernt, weil ihre Mütter sich im Deutschkurs getroffen haben. Das ältere Mädchen hat dem jüngeren Mädchen einige Zeit Nachhilfe gegeben.

 

Das alles finde ich gut. Das zeigt: Der Deutschkurs ist nicht nur zum Deutsch-Lernen nützlich. Er ist auch sonst nützlich, weil man hilfreiche Informationen bekommt. Und weil man neue, nette Menschen kennenlernt.

 

Respekt und Wertschätzung

 

Noch wichtiger finde ich aber etwas anderes:

 

Ich möchte, dass wir freundlich und respektvoll miteinander umgehen. Wertschätzung für jede sollte spürbar sein. 

Viele Teilnehmerinnen verhalten sich so. Aber vor allem für mich als Lehrerin sehe ich da eine wichtige Aufgabe. Ich muss mich darum kümmern, dass wir gut miteinander umgehen. Ich möchte dafür sorgen, dass die Leute sich wohlfühlen.

Ich will die Gruppe als Ganzes, aber auch die einzelne Teilnehmerin im Blick haben.

Ich will darauf achten, dass jede Aufmerksamkeit bekommt.

 

Ich will darauf achten, dass jede etwas sagen kann. Auch diejenigen, die zurückhaltender oder unsicherer sind.

 

Wenn es um die deutsche Sprache geht, darf sich keine verstecken. Ich nehme auch die Ruhigen dran. Ich möchte dabei niemandem Druck machen. Ich lobe viel und versuche zu zeigen: Fehler sind nicht schlimm. Alle machen Fehler. Und aus Fehlern lernen alle, auch die anderen in der Gruppe.

 

Wenn es um Persönliches geht, zeige ich Interesse an den Einzelnen und ihrem Leben. Ich plane auch dafür Zeit ein.

 

Einige Teilnehmerinnen erzählen gern persönliche Geschichten. Wichtig ist dann, dass wir anderen ihnen zuhören, Interesse und Mitgefühl zeigen. Manchmal erzählen später auch die stilleren Frauen etwas von sich.

Bei traurigen oder bewegenden Berichten kann es vorkommen, dass ein paar Tränen fließen. Noch öfter kommt es vor, dass wir zusammen lachen.

 

Viele Frauen haben Kinder. Wenn eine über Sorgen um ihre Kinder spricht, können die anderen meistens gut mitfühlen.

Viele vermissen ihre Heimat. Wenn jemand Sehnsucht nach der Heimat hat, können das die anderen oft gut verstehen.

Einmal hat eine Kursteilnehmerin erzählt, dass sie zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder am Grab ihrer Mutter war. Sie hat darüber gesprochen, wie viel ihr das bedeutet hat. Das hat uns alle sehr berührt.

 

Bei solchen Themen geht es um Gefühle und Situationen, die (fast) alle Menschen betreffen. Das ist unabhängig von Ländern und Kulturen.

 

Unterschiede akzeptieren 

 

Bei manchen Themen ist es schwieriger. Es ist dann schwieriger, wenn sich Unterschiede zeigen.

Die Kursteilnehmerinnen kommen aus verschiedenen Ländern. Dadurch gibt es Unterschiede in der Kultur, in der Religion, bei den Traditionen und bei den Wertvorstellungen.

 

Wir erleben in der Gruppe:

Andere Menschen kleiden sich anders, als ich selbst es tue.

Andere Menschen haben einen anderen Glauben. Sie haben religiöse Traditionen, die sich von meinen Traditionen unterscheiden.

Andere Familien gehen anders miteinander um, als ich es von meiner Familie kenne.

Es gibt unterschiedliche Vorstellungen, wie Männer und Frauen miteinander leben.

Es gibt unterschiedliche Vorstellungen darüber, welche Aufgaben Männer und Frauen übernehmen.

Es gibt unterschiedliche Vorstellungen über die Erziehung von Kindern.

Ich könnte noch mehr aufzählen.

 

Bei solchen Themen finde ich es wichtig, dass wir in der Gruppe darüber sprechen. Dass wir von dem erfahren, was uns neu und fremd ist. Dass wir einander zuhören.

 

Die Unterschiede bleiben. Aber es hilft, wenn Menschen davon erzählen, die man kennt. Man bekommt Informationen und kann nachfragen. Dadurch kann man manches besser einordnen.

Man kommt sich ein Stück näher und spürt die Menschen hinter den unbekannten Lebensweisen und Traditionen.

 

Man kann andere Meinungen stehen lassen. Ab und zu kann man respektvoll auch eine andere Meinung danebenstellen.

 

Trotzdem mag nicht jeder jeden. Nicht jeder will jeden verstehen. Nicht jeder hat gleich viel Verständnis oder Interesse für Fremde und Fremdes. Zum Teil bleibt eine gewisse Distanz.

Das merke ich auch in meinem Deutschkurs.

 

Aber ich merke genauso:

 

Wenn ein Wohlwollen spürbar ist, gehen die Menschen aufeinander zu.

Sie erleben: Es gibt viel Gemeinsames. Es gibt viele Dinge, über die wir sprechen können. Es gibt vieles, das uns alle interessiert und betrifft.

Gleichzeitig sind wir auch verschieden. Wir erfahren Neues. Manches interessiert und bereichert uns. Manches bleibt uns fremd und unverständlich.

Aber wir lernen Menschen kennen, die uns sympathisch sind. Wir mögen die anderen. Wir unterstützen uns gegenseitig. Wir fühlen uns wohl in der Gruppe. Wir sind eine Gemeinschaft.

 

 

Manchmal sagt man:

Kinder müssen zuerst in der Familie und dann im Kindergarten und in der Schule ein friedliches und harmonisches Zusammenleben lernen. In der kleinen Gruppe lernt und übt man Verständnis und Toleranz.

Dann kann man als Erwachsener diese Haltung in den Beruf und in die Gesellschaft einbringen. Und man kann das irgendwann auch an die eigenen Kinder weitergeben.

 

Ich glaube: Das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Sie erleben in einer kleinen Gruppe, zum Beispiel in einem Deutschkurs:

Andere sind anders. Ich verstehe nicht alles. Ich finde nicht alles gut. Aber wir können miteinander auskommen. Wir können Gemeinsamkeiten finden. Wir können es gut miteinander haben.

 

Gemeinsamkeit betonen, jeden als Teil der Gruppe sehen

 

Wir können uns entscheiden: Wir wollen die Gemeinsamkeiten mehr betonen als das, was uns trennt.

Es gibt Unterschiede. Aber sie hindern uns nicht: Wir können miteinander lernen, reden und lachen. Wir können zusammen trinken, essen und feiern. 

Jeder und jede gehört dazu. Jeder und jede hat einen Platz bei uns.

 

Wenn das die Haltung in vielen kleinen Gruppen überall ist:

Dann hat das eine gute Wirkung auf die größeren Gruppen. Dann können wir in der ganzen Gesellschaft, im ganzen Land gut zusammenleben.

 


 

Ich fasse zusammen:

 

Deutschkurse sind sinnvoll und wichtig.

Man lernt die Sprache. Das ist notwendig.

 

Man lernt noch viel mehr

 

Man lernt und übt und erlebt aber noch viel mehr:

 

Andere respektieren, wertschätzen und unterstützen.

Sich selbst zeigen, sich als Teil der Gruppe sehen. Einen Platz in der Gruppe einnehmen.

Andere als Teil der Gruppe sehen, anderen einen Platz geben.

Unterschiede akzeptieren.

Gemeinsamkeit betonen.

Eine Gemeinschaft bilden.

 

 

[Beitragsbild von 422737 (über pixabay)]