03.02.2017

 

[Achtung: Dieser Artikel ist nicht in Einfacher Sprache.]

 

Wenn von den Zielgruppen für Einfache Sprache die Rede ist, werden sie immer wieder genannt:

Deutschlerner, Sprachschüler, Nicht-Muttersprachler, Migranten.

Warum eigentlich?

Eine Antwort scheint auf der Hand zu liegen:

Einfache Sprache ist eben einfacher als normale Texte. Und in der ersten Zeit kann man noch nicht gut genug Deutsch, um schwere Texte zu verstehen.

 

Das ist richtig. Aber ich möchte mehr ins Detail gehen:

 

Welche konkreten sprachlichen Strukturen empfinden viele Lernende als schwierig, wenn sie deutsche Texte lesen?

Welche grammatikalischen Konstruktionen sind anspruchsvoller als andere?

Welche Eigenschaften sind es genau, die Einfache Sprache besser verständlich machen?

Welche Vorteile bietet der Einsatz von Einfacher Sprache Deutschlernenden und Unterrichtenden?

 

Ich unterrichte seit Jahren Deutsch für Migranten und finde es interessant, mich mit diesen Fragen eingehender zu befassen.

Einige Beispiele sollen der Veranschaulichung dienen.

In diesem Artikel stelle ich meine Überlegungen und Erfahrungen vor und gerne auch zur Diskussion.

 

[ Ein Hinweis: Für die Nomen im Text habe ich um des besseren Leseflusses willen die männliche Form gewählt. Gemeint sind alle Geschlechter.]

 

 

1) Eine ansprechende optische Gestaltung ermöglicht entspannteres Lesen

 

Es ist anstrengend, einen langen, klein geschriebenen Text mit verschachtelten Sätzen und wenigen Absätzen zu lesen. Auch für geübte Leser ist so ein Text wenig einladend.

Erst recht unattraktiv ist er für Personen, die Deutsch erst lernen und sich Satz für Satz vorantasten.

Bei Texten in Einfacher Sprache ist es üblich, große Schrift, eher kurze Sätzen und genügend Absätze zu verwenden. Dies verringert die Anstrengung, auch wenn man viel Konzentration zum Lesen braucht. Das ist bei Texten in einer Fremdsprache fast immer der Fall.

Einen neuen Gedankengang mit einem neuen Absatz einzuleiten, erleichtert das sinnentnehmende Lesen. Wird ein Gedanke sehr ausführlich thematisiert, sind auch Absätze zwischendurch hilfreich.

 

 

2) Kleine Happen und einfache Grammatik sind leichter verdaulich

 

In kurzen Sätzen lässt sich die Struktur schneller bestimmen:
So fällt es dem Deutschlerner leichter, Subjekt, Prädikat, Zeitangabe und andere Satzteile zu identifizieren.

 

In einem einfach aufgebauten Satz sind zweigeteilte Verben (z.B. trennbare Verben, Perfekt) besser als zusammengehörig erkennbar.

 

Schwierig ist diese Variante:

Ich teile Ihnen rechtzeitig vor unserem nächsten Treffen in einer Woche mit, welche Dokumente Sie brauchen.

Ein langer Satz. Die beiden Teile des trennbaren Verbs ‚mitteilen‘ stehen weit auseinander.

 

Einfacher ist es so:

Unser nächstes Treffen ist in einer Woche. Ich melde mich vorher rechtzeitig bei Ihnen. Dann teile ich Ihnen mit, welche Dokumente Sie brauchen.

Drei kurze Sätze. Die beiden Teile des Verbs ‚mitteilen‘ stehen ziemlich nah beieinander.

 

In kürzeren Sätzen können auch Pronomen (und Possessivartikel) leichter dem Nomen zugeordnet werden, auf das sie sich beziehen.

 

Ein Beispiel:

Ein schwieriger Satz wäre folgender:

Anna geht in die Küche, weil sie jetzt die Torte, die sie ihrer Mutter versprochen hat, backen will.

 

Einfacher ausgedrückt:

Anna geht in die Küche. Sie will jetzt eine Torte für ihre Mutter backen. Das hat Anna der Mutter versprochen.

 

Im ersten Beispiel findet sich zwei Mal das Personalpronomen ‚sie‘. Damit ist Anna gemeint. Das ‚die‘ am Beginn des Relativsatzes meint die Torte. Der Possessivartikel ‚ihrer‘ weist darauf hin, dass es sich um Annas Mutter handelt.

 

Der Satz ist lang und enthält sowohl einen (kausalen) Nebensatz als auch einen Relativsatz. Außerdem sind alle Nomen und Pronomen und weiblich. Das macht es schwer, zuzuordnen: Zu welchem Nomen gehören das ‚sie‘ und das ‚die‘: Zu Anna, zur Mutter, zur Küche oder vielleicht zur Torte?

 

Diesen Satz zu grammatikalisch und inhaltlich zu zerlegen und dann wieder zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen, braucht Zeit und Energie.

 

Im zweiten Beispiel habe ich aus einem langen Satz drei Sätze gemacht. Die drei Sätze enthalten statt drei nur mehr ein Pronomen. Ein Personalpronomen und das Relativpronomen sind weggefallen. Der Possessivartikel ist geblieben.

 

Das ‚sie‘ am Beginn des zweiten Satzes könnte zwar theoretisch auch mit dem im Satz davor genannten weiblichen Nomen ‚Küche‘ zu tun haben. Da das Wort ‚sie‘ aber genauso wie das Wort ‚Anna‘ im Satz davor am Anfang und im Nominativ steht und das Subjekt des Satzes ist, wird man wohl rasch verstehen, dass Anna gemeint ist.

 

Im kurzen zweiten Satz erkennt man leicht, dass mit ‚ihre Mutter‘ Annas Mutter gemeint ist. Im dritten Satz habe ich das Nomen statt des Pronomens verwendet: ‚ihrer Mutter‘ statt ‚ihr‘. Das erspart dem Leser die Überlegung, auf wen oder was sich ‚ihr‘ beziehen könnte.

 

 

Noch ein Hinweis:

Relativpronomen bzw. Relativsätze sind für Deutschlerner häufig herausfordernd. Man muss zuerst das Nomen im anderen Satzteil ausfindig machen, auf das sich das Relativpronomen bezieht.

Wenn die beiden nur durch ein Komma getrennt sind und direkt aufeinanderfolgen, macht das nicht so viel Mühe. Schwieriger ist es, wenn zwischen den zusammengehörigen Nomen und Pronomen noch andere Wörter stehen. Schwieriger ist es auch, wenn Nomen und Pronomen nicht den gleichen Kasus haben.

Ein Beispiel dazu:

Der Junge aus dem Nachbarhaus, den ich gestern getroffen habe, kann gut Fahrrad fahren.

Das Relativpronomen ‚den‘ bezieht sich auf ‚der Junge‘. Dieses Nomen steht im Nominativ, das Pronomen jedoch im Akkusativ. Letzteres folgt auch nicht direkt auf das passende Nomen; dazwischen steht ‚aus dem Nachbarhaus‘. Das kann zu der Überlegung führen, ob das Relativpronomen etwas mit dem Haus zu tun haben könnte.

Wenn man weiß, dass ‚Junge‘ ein männliches und ‚Haus‘ ein sächliches Nomen ist, ist klar, dass das nicht stimmen kann. Und wenn man den ganzen Satz liest und die Wörter versteht, ergibt es so auch keinen Sinn.

Voraussetzung ist allerdings, dass man die erforderlichen Kenntnisse hat. Sind diese nur lückenhaft oder noch gar nicht vorhanden, wird der Satz nur schwer oder falsch verstanden.

 

 

3) Genitiv, Konjunktiv, Passiv und Präteritum werden sparsam eingesetzt

 

Sowohl der Genitiv als auch der Konjunktiv werden in Deutsch-Lehrwerken erst in einem fortgeschrittenen Stadium durchgenommen (Niveaustufe A2/B1).

So kann man davon ausgehen, dass Personen, die noch nicht lange Deutsch lernen, diese Formen unbekannt sind.

 

Auch die passive Form von Verben wird gewöhnlich nicht vor Erreichen der Niveaustufe A2 gelehrt:

Der Koffer wird gepackt.
Die Kinder werden gerufen.

 

Schwierig am Passiv ist die Verwechslungsgefahr:

 

Manche Deutschlernende lesen ‚werden‘ (oder wirst, wird…) und vermuten, dass es sich um eine Futur-Form handelt. Tatsächlich wird ja nicht nur das Passiv, sondern auch das Futur mit dem Hilfsverb ‚werden‘ gebildet.

 

Gleichzeitig lässt das Partizip (gepackt, gerufen…) ans Perfekt denken. Das ist ebenfalls nachvollziehbar, da sowohl bei der Passiv- als auch bei der Perfektbildung das Partizip II benutzt wird.

 

Verzichtet man in einem Text also weitgehend auf passive Verbformen, beugt man damit den genannten Verständnisschwierigkeiten vor.

 

Erzählt man in Einfacher Sprache von Vergangenem, zieht man das Perfekt meist dem Präteritum vor. Ausnahmen sind die Präteritum-Formen von ‚haben‘, ’sein‘ und den Modalverben.

Das Perfekt wird im Sprachunterricht üblicherweise zuerst gelernt. Außerdem ist es den Schülern aus der gesprochenen Sprache geläufiger.

Nach meiner Erfahrung fällt es Lernenden schwerer, bei unregelmäßigen Verben vom Präteritum ausgehend auf das richtige Verb zu schließen als vom Perfekt aus.

Kommt ‚log‘ von liegen, legen oder von lügen?

 

 

4) Lernen durch Wiederholung und maßvolle Herausforderung

 

Normalerweise gelten Wortwiederholungen eher als unelegant.

Anstatt beispielsweise mehrfach hintereinander das Verb ‚sehen‘ zu verwenden, benutzt man unterschiedliche Verben aus dieser Wortfamilie. Etwa ‚erblicken‘, ‚wahrnehmen‘, ‚ins Auge fallen‘.

 

In Einfacher Sprache sind Wiederholungen erlaubt. Teilweise werden sie bewusst eingesetzt.

Während einem Deutschlerner das Verb ‚sehen‘ schon nach kurzer Zeit bekannt ist, kann es sein, dass er die oben genannten Synonyme nicht versteht.

Dann liest er entweder darüber hinweg oder schaut jedes Mal im Wörterbuch nach. Beides hemmt den Lesefluss und das Textverständnis.

 

Das bedeutet nicht unbedingt, dass man womöglich viermal hintereinander das Verb ‚sehen‘ verwendet, aus Angst, der Text würde sonst zu anspruchsvoll.

Das Lesen soll durchaus dazu beitragen, den Wortschatz des Lesers zu erweitern. Allerdings darf man den Lernenden nicht mit einer Fülle an neuen Wörtern überhäufen. Dies würde ihn eher frustrieren und abschrecken.

 

Wenn es in einem Text also ausführlich um das Sehen geht, würde ich mich vor der Wiederholung des Verbs ’sehen‘ nicht scheuen, dann aber auch ein zweites (gegebenenfalls sogar ein drittes) Verb mit ähnlicher Bedeutung verwenden. Wenn dieses zweite Verb im Text dann vielleicht auch ein weiteres Mal vorkommt, prägt es sich noch besser ein.

Bei der Wahl der Verben ist es sinnvoll, sich an der Verwendungshäufigkeit bzw. am Schwierigkeitsgrad zu orientieren.

 

Habe ich also das Verb ‚sehen‘ schon benutzt, könnte ich in einem weiteren Satz schreiben:

Plötzlich erblickt er einen Mann mit einem großen roten Rucksack.

Ich gebe ‚erblicken‘ den Vorzug vor ‚wahrnehmen‘, da man auch mit anderen Sinnen, nicht nur mit dem Sehsinn, wahrnehmen kann.

Und die Variante
‚Plötzlich fällt ihm ein Mann mit einem großen roten Rucksack ins Auge
wäre in jedem Fall die am schwersten verständliche.

 

 

5) Sprachbilder und Redewendungen kommen kaum vor

 

Redewendungen sind Teil unseres reichen Sprachschatzes. Muttersprachler verwenden sie, ohne viel nachzudenken. Für Deutschlernende stellen sie Hürden dar.

‚Eine Hand wäscht die andere.‘

Die in diesem Ausspruch enthaltenen Wörter lernt man ziemlich früh; sie gehören zur Alltagssprache. Nimmt man diesen Satz aber wörtlich, stellt man fest, dass er – scheinbar – gar nicht in den Text passt und ist verwirrt.

 

Hier gilt das Gleiche wie oben erwähnt: Ein wohlüberlegter Einsatz von Redewendungen kann angemessen sein. Ab einem etwas fortgeschrittenen Sprachniveau wird man als Unterrichtender die Schüler gelegentlich mit der einen oder anderen gängigen Redewendung vertraut machen.

Es gibt allerdings so viele Redewendungen, dass man in einer Fremdsprache auch die relativ bekannten Aussprüche erst nach langer Zeit und mit viel Spracherfahrung beherrschen wird.
Daher sollten sie in einfachen Texten nur sehr dosiert vorkommen.

 

 

Fazit

 

Ich möchte nun auf die Anfangsfrage zurückkommen und meine Überlegungen zusammenfassen:

Warum halte ich die Einfache Sprache für hilfreich beim Deutsch-Lernen?

 

Einfache Sprache kann die Brücke bauen zu einem guten Sprachverständnis und einer hohen Lesekompetenz:

Wenn die Sprachschüler über die ersten Lektionen in der Fremdsprache hinausgewachsen sind, gelingt es ihnen mit Hilfe von einfachen (und eher kürzeren) Texten, nach und nach ihre Lesefertigkeiten zu entwickeln und zu verbessern.

 

Einfache Sprache kommt, wie eben erläutert, den Kenntnissen und Bedürfnissen von Lernenden (auf dem Niveau A2 bis B1 und evtl. darüber hinaus) entgegen. Sie umschifft einige der Hürden, die sich für einen Nicht-Muttersprachler beim Lesen auftun.

Zu viele neue Vokabeln und zu komplexe grammatikalische Strukturen frustrieren den Schüler.

Das wird in einfachen Texten beachtet, und so macht der Lernende die Erfahrung, dass er Sprache in Schriftform ohne große Anstrengung verstehen kann. Ein schönes und wichtiges Erfolgserlebnis in einer Fremdsprache.

Dieses weckt Freude am Umgang mit Texten und stärkt das Selbstbewusstsein des Lernenden. So wird er motiviert zum Weiterlesen und Weiterlernen.

 

Ist der Deutschlerner weiter fortgeschritten und hat sich solide Kenntnisse der deutschen Sprache erarbeitet, kann er immer besser Texte in der Standardsprache lesen und auch gut verstehen.

Manch einer wächst irgendwann über die Einfache Sprache hinaus.

Natürlich hat er auch dann die Möglichkeit, abwechselnd in einfacher oder schwerer Sprache lesen.

 

Einfache Sprache stellt also auf jeden Fall eine Bereicherung beim Erlernen der deutschen Sprache dar.

Darum soll Einfache Sprache weiterhin zur Verfügung stehen und sich noch mehr verbreiten.

Sowohl für Deutschlerner als auch für andere Leser ist es gewinnbringend, zwischen mehreren Sprachvarianten wählen zu können.

 


 

Kommentare und Diskussion zum Text sind willkommen!

 

 

Text von Gudrun Nilius

Beitrags-Bild von geralt (über pixabay)