23.04.2020

 

Auf dem Bild sieht man einen Kirschbaum.
Er sieht ziemlich gestutzt aus. Er war krank, hatte letztes Jahr fast keine Blätter. Er hat auch nur ganz wenige Kirschen getragen. (In den Jahren davor waren es immer sehr viele Kirschen.)
Damit der Baum nicht ganz kaputtgeht, musste man die Äste zurückschneiden. Viele vertrocknete Äste mussten weg.
Es war nicht sicher, ob der Baum sich erholen kann.
Doch in diesem Frühling ist etwas Schönes passiert. Es macht Hoffnung:

Der Baum hat geblüht!

Er wirkt immer noch verkümmert. Man sieht, dass ihm Äste fehlen. Er ist im Moment kein großer, prächtiger, starker Baum. Aber er hat geblüht.
Wir hoffen, dass er sich weiter erholt. Und dass es in diesem Jahr wieder Kirschen gibt.


In diesen Wochen dreht sich alles um das Corona-Virus.

Dieses Virus hat sich schnell ausgebreitet. Viele Menschen haben sich angesteckt. Manche von ihnen sind schwer krank geworden. Leider gibt es auch Tote durch das Virus.

Darum haben sich Politiker mit Fachleuten beraten. Sie haben neue Regeln für das Zusammenleben aufgestellt. Viele Gebäude und Plätze wurden geschlossen. Viele Kontakte und Aktivitäten wurden verboten.
Unser Leben ist sehr eingeschränkt. Wir müssen uns mit vielen Begrenzungen zurechtfinden.

Die neuen Regeln sollen die Menschen schützen. Sie schützen uns davor, dass sich zu viele Menschen in zu kurzer Zeit anstecken. Sie sollen dazu beitragen, dass die Krankenhäuser nicht überfüllt sind. Hoffentlich gibt es durch die Begrenzungen weniger Kranke und weniger Tote.

Die Regeln haben aber auch Nachteile:
Mit wenigen Ausnahmen dürfen Menschen sich nicht besuchen und nicht nahe kommen. Viele sind einsam und leiden.
Der wirtschaftliche Schaden ist groß. Manche Menschen verdienen weniger Geld oder verlieren ihre Arbeit. Einige Geschäfte und Betriebe können sich nicht halten und müssen schließen.
Familien sind belastet. Vieles muss jetzt zu Hause stattfinden: Arbeiten für Beruf und Schule. Alles gleichzeitig und nebeneinander. Manche haben zu wenig Platz in ihrer Wohnung. Manche halten die ständige Nähe schlecht aus.

Ich könnte noch viel mehr schreiben.
Die ganze Situation ist sehr schwierig. Politiker und Experten wissen teilweise zu wenig oder sind sich nicht einig. Trotzdem müssen sie in kurzer Zeit viele weitreichende Entscheidungen treffen.
Es gibt schon kritische Stimmen. Gehen manche Entscheidungen in die falsche Richtung? Bringen sie mehr Schaden als Nutzen?
Bei einigen Dingen werden wir vielleicht erst später wissen: Waren diese Maßnahmen richtig oder falsch?

Ich weiß nicht, wie es weitergeht.
Ich finde es sehr schwierig, alles zu durchschauen und richtig einzuschätzen.


Was hat das alles aber mit dem Kirschbaum zu tun, von dem ich ganz oben erzählt habe?

Ich glaube, es geht uns gerade ähnlich wie diesem Baum. Der Baum war krank. Er hat Äste verloren. Er sieht verkümmert aus. Er braucht Zeit, um sich zu erholen.
Ähnlich ist der Zustand der Menschen und der Welt: Wir sind krank. Wir leiden. Wir erleben Grenzen und Verluste. Wir müssen verzichten. Das Leben ist eingeschränkt und verkümmert.

Schon vor dem Corona-Virus hat sich manches in die falsche Richtung entwickelt: Immer mehr Konsum, häufige und weite Reisen. Ausbeutung von Menschen und Umwelt. Ungleiche Chancen. Andere ausnützen für den eigenen Vorteil. Stärke und Macht ausspielen. Gegeneinander statt miteinander. Gleichgültigkeit gegenüber denen, die schwach und benachteiligt sind.
Jetzt kommt die weltweite Bedrohung durch das Virus dazu. Hilflosigkeit, Krankheit und Tod rücken ganz nahe.

Wir sind im Moment noch mittendrin. Mitte in der Krise. Wir haben das Virus noch nicht besiegt. Die Bedrohung ist noch da.
Wir haben auch die falschen Zustände noch nicht hinter uns gelassen. Es gibt sogar neue Gefahren für die Menschen, die Gesellschaft, die Welt.

Das Leben nach der Krise wird anders sein als vorher. Es kann noch lange dauern, bis die Krise vorbei ist.

Ich wünsche mir, dass es – wie beim Baum – irgendwann wieder neue Blüten gibt: Bei den Menschen und auf der Welt.
Verlust, Verzicht und Grenzen müssen nicht für immer alles kaputtmachen.

Ich habe Hoffnung: Auf eine schöne Zukunft. Auf ein gutes Leben. Auf ein neues Miteinander. Darauf, dass wir aus der Krise lernen. Darauf, dass wir die richtigen Entwicklungen anstoßen.

Der Kirschbaum hat seinen schlechten Zustand überwunden. Er lässt sich nicht unterkriegen.

Lassen wir uns auch nicht unterkriegen. Halten wir durch. Bewahren wir uns Hoffnung.
Erinnern wir uns an Werte und an Sinn. Gestalten wir die Welt.
Wir alle können einen Beitrag leisten.
Schlagen wir neue Wurzeln. Lassen wir wieder Äste und Blätter wachsen. Erinnern wir uns, dass Wachstum Zeit braucht.
Bereiten wir die neue Blüte vor.