12.02.2017

 

Menschen können viele Dinge tun.

Sie tun auch jeden Tag viele Dinge:

 

Suppen kochen, Hemden bügeln, malen, schreiben, mit dem Computer umgehen, Auto fahren, Fahrräder reparieren, lesen, Ball spielen, Rasen mähen, Möbel aufbauen, für Prüfungen lernen, etwas planen, Lösungen finden…

 

Nicht jeder kann die gleichen Sachen.

Nicht jeder kann die gleichen Sachen gut.

Aber jeder kann vieles.

Und jeder kann vieles gut.

 

Nenne schnell fünf Dinge, die du gut kannst!

Ist das leicht für dich?

Fallen dir einige Dinge ein? Fallen dir viel mehr Dinge ein als fünf?

 

Oder denkst du eher so:

Naja, das kann ich und das kann ich auch. Aber gut? Nein, so richtig gut kann ich es nicht. Andere können das besser.

 

Mir fallen einige Dinge ein, bei denen ich so denke:

Ja, das kann ich. Aber so richtig gut kann ich es nicht.

 

 

Ein Beispiel:

Schach spielen

 

Vor langer Zeit habe ich Schach spielen gelernt.

Ganz viele Jahre habe ich aber gar nicht mehr Schach gespielt.

 

Vor Kurzem hat mein Sohn dieses Spiel gelernt. Jetzt will er es oft spielen.

Darum habe auch ich wieder damit angefangen.

Dieses Spiel hat mir in der ganzen Zeit nicht gefehlt. Aber im Moment macht es mir Spaß, wieder Schach zu spielen.

 

Beim Schach geht es nicht darum, schnell zu sein.

Beim Schach muss man sich Zeit lassen und nachdenken.

Es ist gut, wenn man vorausdenkt und vorausplant.

 

Das weiß ich und das mache ich auch. Aber ich mag nicht viele Minuten über den nächsten Zug nachdenken. Das ist mir zu anstrengend. Dazu fehlt mir die Geduld.

Gegen meinen Sohn gewinne ich noch. Weil er das Spiel erst lernt.

Aber ein guter und erfahrener Spieler würde gegen mich gewinnen.

 

Das macht nichts. Denn im Moment geht es mir darum:

Ich kenne das Spiel. Ich kenne die Regeln.

Ich kann eine Schach-Partnerin für meinen Sohn sein.

 

Ich bin keine tolle Schachspielerin.

Ich spiele gut genug. Das reicht.

 

 

Zweites Beispiel:

Kuchen backen

 

Wenn ich im Internet oder in einer Zeitschrift ein neues Rezept suche: Dann nehme ich eins, bei dem steht: ‚einfach‘ oder ‚schnell‘.

 

Ich backe meistens einfache Kuchen.

Trotzdem ist es mir schon passiert, dass ein Kuchen zu fest war. Oder zu trocken. Oder dass der Kuchen zerfallen ist.

Wenn das passiert, bin ich enttäuscht.

 

Wenn mir ein Kuchen richtig gut gelingt, freue ich mich. Wenn er schön aussieht und lecker schmeckt: Dann bin ich zufrieden.

Ich kann gute Kuchen backen.

 

Aber das Kuchenbacken fällt mir nicht leicht. Ich befürchte dabei oft, dass irgendetwas schiefgeht.

Schwierige Rezepte probiere ich sehr selten aus.

 

Ich kann also Kuchen backen. Aber ich kann es nicht total gut. Es macht mir immer etwas Mühe. Es ist nicht mein Hobby.

 

Wenn es mir wichtig wäre, könnte ich es üben. Ich könnte mit jemandem zusammen backen, der besser backen kann als ich. Dabei könnte ich etwas lernen. Ich könnte mir im Fernsehen oder im Internet Back-Filme ansehen.

 

Doch dazu habe ich keine Lust. Die richtig tollen Kuchen und Torten sollen andere backen. Ich bleibe bei meinen einfachen Kuchen-Rezepten.

 

Meine Kuchen sind nicht großartig.

Sie sind gut genug. Das reicht.

 

 

Drittes und letztes Beispiel:

Singen

 

Ich singe gern. Ich kann singen. Ich kenne Lieder auswendig. Ich kann eine Melodie halten. Ich kann im Kanon singen.

Wenn ich übe, kann ich die zweite Stimme singen.

Ich traue mich auch zu singen. Wenn mehrere Menschen zusammen singen, singe ich gern mit.

 

Was ich nicht kann:

Hoch singen.

Ich habe eine tiefe Singstimme. Oft ist mir die Hauptstimme in einem Lied zu hoch.

Das macht das gemeinsame Singen mit anderen manchmal schwierig. Ich möchte meistens tiefer singen als die anderen.

Wenn ich dann mit ihnen zusammen höher singe, strengt mich das Singen schnell an. Es klingt dann auch nicht so schön.

 

Nach Noten singen kann ich auch nicht.

Ich kenne die Noten und bei neuen Liedern helfen sie mir. Aber die Noten allein reichen mir nicht. Ich muss ein Lied immer auch hören, bevor ich es nachsingen kann.

 

Allein vorsingen mag ich nicht. Das mache ich höchstens im ganz kleinen, vertrauten Kreis.

Bei einer Aufführung ein Solo singen: Dafür braucht man eine schöne und kräftige Singstimme. Dafür reicht mein Können nicht.

 

Ich kenne viele, die besser singen als ich. In meiner eigenen Familie gibt es begabte Sänger.

 

Auch hier ist es wieder so: Ich bin keine tolle Sängerin.

Ich singe gut genug. Das reicht.

 

 

Zum Singen passt ein Zitat von Henry van Dyke:

Nutze die Talente, die du hast. Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.

[Etwas einfacher: Die Wälder wären sehr still, wenn nur die besten Vögel singen würden.]

 

Genauso ist es. Es geht nicht immer um eine tolle Leistung.

Es geht darum, mitzumachen, etwas für sich und für andere zu machen.

Es geht darum, dass man etwas auf seine eigene Art tut.

Es geht um Vielfalt und um Freude.

 

Man muss kein Profi sein, um Spaß beim Schach-Spiel zu haben.

Bei vielen Festen würden Kuchen fehlen, wenn nur die besten Bäcker backen.

Zusammen singen in der Familie, mit Freunden, in einem Gottesdienst. Das macht Freude und muss nicht klingen wie bei einem Konzert.

 

Darum will ich weiter Schach spielen, Kuchen backen und singen.

Ich kann das alles gut genug.

 

Was kannst du gut genug?

Mach es! Mach es mit Freude!

 

 

[Beitrags-Bild von nkordo (über pixabay)]