20.08.2017

 

Dieser Beitrag gehört zu einer Interview-Reihe. Ich habe meine Leser und Leserinnen gefragt:

Wer möchte mir Fragen zum Thema “Heimat” beantworten? 

Einige haben sich gemeldet.

 

Karolin macht heute den Anfang. Sie ist die Erste, die von ihrer Heimat erzählt.

Sie hat in einem Land gelebt, das es so wie damals gar nicht mehr gibt. Darum schreibe ich zuerst ein paar Sätze zur Erklärung:

 

Deutschland ist heute ein großes Land.
Aber Deutschland war lange in 2 Teile geteilt: In Ost-Deutschland und in West-Deutschland.

Ein anderer Name für Ost-Deutschland war DDR (Deutsche Demokratische Republik).
Ein anderer Name für West-Deutschland war BRD (Bundesrepublik Deutschland).

Zwischen den beiden Teilen hat es eine Grenze gegeben. Die Grenze war streng bewacht. In der Stadt Berlin war diese Grenze eine Mauer.

Wer im Osten gewohnt hat, durfte nicht einfach in den Westen reisen. Er durfte auch nicht einfach in den Westen umziehen.
Wer in den Westen ziehen wollte, musste die Regierung um Erlaubnis fragen: Dazu musste er einen Ausreiseantrag stellen.

Die Mauer hat es 28 Jahre lang gegeben. Viele Menschen waren mit der Mauer nicht einverstanden.
1989 hat man die Grenze zwischen Ost und West wieder geöffnet, zuerst in Berlin. Das nennt man den Mauerfall. Man hat die Mauer wieder abgebaut.

Einige Monate später hat man aus den zwei Teilen von Deutschland wieder ein Land gemacht. So ist es bis heute.

 

 

Karolin, wo hast du früher gelebt?

Wo lebst du jetzt?

 

Ich habe in der DDR gelebt. Von dort bin ich mit meinen Eltern weggezogen. Mit einem Ausreiseantrag. Das war 1984, noch vor dem Mauerfall.

Ich habe dann lange in Süddeutschland gelebt. Seit 15 Jahren bin ich wieder im Bundesland Sachsen: In der alten Heimat Dresden.

 

Wo ist deine Heimat?

(Denkst du, dass man nur eine Heimat haben kann? Oder kann man mehr als eine Heimat haben?)

 

Diese Frage finde ich sehr schwierig. Ich fühle mich manchmal sehr heimatlos. Oder ich fühle mich auch, als hätte ich 2 Heimaten: Sachsen und Süddeutschland.

Im Großen gesehen fühle ich mich aber mehr als Ostdeutsche.
Ich glaube: Heimat ist am Ende immer dort, wo es mir gut geht.

 

 

Welches Bild oder Geräusch, welcher Geruch oder Geschmack erinnert dich an deine Heimat?

 

An Süddeutschland erinnert mich besonders die schwäbische Sprache oder Essen wie „Maultauschen“: Das sind kleine gefüllte Teigtaschen.

An Ostdeutschland sind es eher Erinnerungen aus meiner Kindheit. Zum Beispiel der Garten meiner älteren Verwandten. Oder auch die Stadtansicht, die besonderen und alten Gebäude.

 

 

Kann man aus der Ferne mit der Heimat verbunden bleiben?

 

Ich denke: Im Herzen bleibt man verbunden. Aber das ist oft eine sehr versteckte Sache. Man bleibt verbunden durch das Erinnern. Oder durch meine Freude, wenn ich jemand schwäbisch sprechen höre.

 

 

Vermisst du jemanden oder etwas aus deiner früheren Heimat?

 

Ich vermisse die Gärten und den schwäbischen Dialekt. Und auch alte Freunde.

 

 

Wenn du wieder in deine frühere Heimat zurückgehen würdest: Was würdest du dann vermissen von dem Ort, an dem du jetzt lebst? Würde dir etwas fehlen von deinem Leben, wie es jetzt ist?

 

Ich glaube: Mir würden die Orte und Wege fehlen, die ich so gut kenne. Weil ich oft dort gehe.

Oder auch der alte Friedhof mit seinen schönen alten Bäumen. Und sicher einige Menschen.

Und „Eierschecke“ – das ist ein besonderer Kuchen aus Sachsen.

 

 

Hast du Heimweh? Oder hast du ein anderes Gefühl, wenn du an deine Heimat denkst?

 

Ja, ich glaube schon. Aber das ist auch sowas wie die Leichtigkeit aus der Kindheit, die mir fehlt. Und es fehlt mir, dass ich bis heute keinen eigenen Garten habe.
Und meine Oma vermisse ich sehr. Allgemein Sachen, an die ich gewöhnt war. Oder auch Orte wie die alte Bücherei.

Insgesamt bin ich eher traurig, weil ich mich zwischen 2 Orten fühle. Aber ich glaube, in Süddeutschland vermisst mich keiner mehr. Da bin ich zu lange weg. Ich habe oft den Eindruck, dass dort alles ein wenig einfacher war.

 

 

Möchtest du noch etwas zum Thema Heimat sagen?

 

Ich hoffe, dass ich nochmal eine neue, eine 3. Heimat finden kann. Einen Ort, wo es mir gefällt und wo ich mich wohlfühle. Wo ich im Grünen lebe. Wo Freunde mich besuchen kommen und ich dann für alle koche und backe.

 

 

[Beitragsbild von Filip Altman (über pixabay)

Das Bild zeigt die Stadt Dresden in Sachsen.]