29.08.2017

 

 

Dieser Beitrag gehört zu einer Interview-Reihe. Ich habe meine Leser und Leserinnen gefragt:

Wer möchte mir Fragen zum Thema “Heimat” beantworten? 

Einige haben sich gemeldet.

 

Mirjana lebt in Flaviac. Das liegt im Südosten von Frankreich.

Frankreich ist nicht Mirjanas Heimat. Gibt es überhaupt ein Land, das für sie Heimat bedeutet?

Hier erfährst du mehr:

 

[Ein Hinweis: Ein unterstrichenes Wort mit Sternchen* bedeutet: Am Ende vom Text steht zu diesem Wort eine Erklärung.]

 

Mirjana, wo hast du früher gelebt?

Wo lebst du jetzt?

 

 

Ich bin in Süddeutschland geboren und aufgewachsen.

Meine Familie ist kurz vor meiner Geburt aus Jugoslawien* nach Deutschland ausgewandert.

 

Ich habe nach der Schule in der Schweiz studiert .

Jetzt lebe ich seit 22 Jahren in Frankreich.

 

 

 

Wo ist deine Heimat?

(Denkst du, dass man nur eine Heimat haben kann? Oder kann man mehr als eine Heimat haben?)

 

 

Das ist die große  Frage meines Lebens. Ich weiß es nicht wirklich.
In allen Ländern, die etwas mit meiner Geschichte zu tun haben, erkenne ich mich wieder.

 

In Jugoslawien habe ich selbst nie gelebt. Aber wenn ich dorthin gehe, bin ich tief in mir berührt. Ich fühle mich auch ein bisschen zuhause, wenn ich diese Sprache höre.
Ich glaube: Für mich hängt Heimat mit Sprache zusammen.

 

Ich habe lange Jahre nur noch Französisch geredet. Dadurch habe ich mich ein wenig verloren.

Heute spreche ich auch wieder Deutsch.  Dadurch spüre ich wieder Teile in mir, die ich schon vergessen hatte.

 

Ich fühle mich nicht verwurzelt oder an einen Ort gebunden.

Das gibt mir einerseits ein Gefühl von Freiheit, andererseits auch ein Gefühl von Verlorenheit.

Jetzt möchte ich einen Wohnwagen aus Holz bauen, um darin zu leben. Mit diesem Wagen kann ich dann dorthin reisen, wo ich gerade sein möchte.
Das ist mein Weg zu meiner Heimat.

 

 

 

Welches Bild oder Geräusch, welcher Geruch oder Geschmack erinnert dich an deine Heimat?

 

 

Wenn jemand meinen Namen mit jugoslawischem Akzent ausspricht, dann wird mir einen Moment lang heiß.

Dann fühle ich mich erkannt.
Vielleicht ist das ein Gefühl von Heimat.

 

 

 

Kann man aus der Ferne mit der Heimat verbunden bleiben?

 

 

Ich nutze die sozialen Netzwerke*, um mit der deutschen Sprache verbunden zu bleiben. Ich schreibe viel und veröffentliche deutsche Texte auf meinem Blog.
Diesen Sommer war ich einen ganzen Monat lang in Deutschland zu Besuch. Ich war seit 24 Jahren nicht mehr so lange in Deutschland.

Ich empfinde Deutschland nicht als meine Heimat. Doch Deutschland ist das Land meiner Vergangenheit. Und ich merke, dass es heute wichtig für mich ist, regelmäßig in Deutschland zu sein.

 

 

 

Vermisst du jemanden oder etwas aus deiner früheren Heimat?

 

 

Ich vermisse meine Freunde. Ich würde gerne einfach mal gemeinsam einen Kaffee trinken gehen. Ich würde gerne meine Freunde einfach so treffen können.
Das kann ich nicht. Ich muss jedes Mal eine weite Reise machen.

 

Zum Glück gibt es Skype*. So kann ich mir wenigstens vorstellen, mit meinen Freunden in einem gemeinsamen Raum zu sein.

 

 

 

Wenn du wieder in deine frühere Heimat zurückgehen würdest: Was würdest du dann vermissen von dem Ort, an dem du jetzt lebst? Würde dir etwas fehlen von deinem Leben, wie es jetzt ist?

 

 

Würde ich Frankreich heute verlassen, so würde mir die französische Sprache fehlen. Und bestimmt auch die französische Art zu leben.

 

Und natürlich würden mir meine beiden Söhne fehlen. Sie sind in Frankreich aufgewachsen, wo sie heute noch leben.

 

 

 

Hast du Heimweh? Oder hast du ein anderes Gefühl, wenn du an deine Heimat denkst?

 

 

Ich habe Fernweh, nicht Heimweh.
Lange habe ich gedacht: Ich habe Heimweh. Aber ich glaube, das Gefühl in mir war der Wunsch, wegzugehen. Und nicht der Wunsch, irgendwo hinzugehen.

 

 

 

Möchtest du noch etwas zum Thema Heimat sagen?

 

 

Ich glaube:  Wenn ein Mensch seine ursprüngliche Heimat verlassen hat, fühlt sich das im Inneren an wie ein großer Bruch.

 

Ich bin immer gerührt, wenn mir jemand von einem Leben erzählt, das immer am selben Ort stattgefunden hat. Oder wenn jemand ganz genau weiß, woher er kommt.

 

Ich selbst kenne meine jugoslawische Familie nicht. Meine gesamte Familiengeschichte, meine Wurzeln sind mir unbekannt.

 

Heimatverbundene Menschen kommen mir vor wie hohe, verwurzelte Eichenbäume. Kraftvoll. Stark.

Ich selbst komme mir eher vor wie eine Topfpflanze.

 

Meine Stärke ist, dass ich mich sehr schnell anpassen kann und keine Angst habe, ins Unbekannte zu gehen.

Ich habe mit den Jahren gelernt, daraus meine Kraft zu holen.

 


 

Erklärungen zum Text:

 

Jugoslawien :

Jugoslawien war ein Land im Südosten von Europa. Es war die Heimat von Mirjanas Eltern.

Als die Familie schon lange in Deutschland gelebt hat, hat in Jugoslawien ein Krieg begonnen. Durch den Krieg hat sich vieles verändert.

Heute gibt es das Land Jugoslawien nicht mehr. Heute gibt es an dieser Stelle mehrere kleinere Länder. Zum Beispiel Serbien, Kroatien und Mazedonien.

 

Soziale Netzwerke :

Beispiele für soziale Netzwerke sind Facebook oder Twitter. (Es gibt aber auch andere.)

Wer da mitmacht, ist über das Internet mit anderen verbunden. Das ist wie eine große Gemeinschaft. Man kann am Computer oder am Handy etwas schreiben. Andere können es lesen und darauf antworten.

 

Skype :

Das ist Telefonieren am Computer. Dabei kann man die andere Person auf dem Bildschirm sehen.

 

 

[Beitragsbild von Mirjana]