04.09.2017

 

Dieser Beitrag gehört zu einer Interview-Reihe. Ich habe meine Leser und Leserinnen gefragt:
Wer möchte mir Fragen zum Thema “Heimat” beantworten? 
Einige haben sich gemeldet.

 

Heute ist Christel an der Reihe.

Sie fühlt sich sehr wohl in der Stadt, in der sie lebt. Hier möchte sie auch in Zukunft leben. Christel hat diese Stadt aber erst als erwachsene Frau gefunden.

 

[Ein Hinweis: Ein unterstrichener Satz mit Sternchen* bedeutet: Am Ende vom Text steht zu diesem Satz eine Erklärung.]

 

 

Christel, wo hast du früher gelebt?
Wo lebst du jetzt?

 

 

Ich habe mit meiner Familie bis zum Beginn meines Berufslebens in Rüsselsheim gelebt. Diese Stadt liegt in der Nähe von Frankfurt. Danach habe ich an verschiedenen Orten in Deutschland gelebt.

Zu meinem zweiten Studium und während meiner Ehe war ich wieder in Rüsselsheim. Bevor ich nach Spanien ausgewandert bin, habe ich einige Jahre in Frankfurt gewohnt.

Jetzt wohne ich schon seit 1982 in Katalonien. Das ist eine Region in Spanien. Die ersten Monate war ich in Tarragona und danach bis heute in Barcelona.

Barcelona war von Anfang an meine Traumstadt und ist es bis heute. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein. Es war das Ende meiner Suche.

 

Als ich in Barcelona angekommen bin, war das ganz besonders für mich: Es war so, wie wenn man einen alten Lieblingspullover wiederfindet. Man hat den Pullover lange nicht getragen. Aber man hat sofort Lust, ihn wieder anzuziehen.
Ich habe Barcelona „angezogen“ wie einen Lieblingspullover. So ist mein Gefühl in dieser Stadt.

 

 

 

Wo ist deine Heimat?
(Denkst du, dass man nur eine Heimat haben kann? Oder kann man mehr als eine Heimat haben?)

 

 

Mit dem Begriff „Heimat“ habe ich ein Problem. Für mich gibt es zum einen meine Herkunft und zum anderen den Platz, wo ich lebe.

In meiner Familie hat der Begriff „Heimat“ nichts Schönes bedeutet. Mein Vater kam aus Ostpreußen. Er hat Heimat immer mit Flucht und Verlust verbunden. Er wollte nicht mehr an seine Heimat denken. Er wollte sich eher auf sein neues Leben nach dem Krieg mit seiner Familie konzentrieren.

 

Ob man nur eine Heimat haben kann?

Man hat nur eine Herkunft und ist mit dieser durch die Familie und durch die Kultur verbunden.

Und dann gibt es Orte, an denen man mehr oder weniger lange lebt. Da fühlt man sich verwurzelt.
Ich konnte mich problemlos von Deutschland trennen, auch von den Menschen. Aus persönlichen Gründen war für mich sogar die Distanz zu meiner Familie gut.

 

 

 

Welches Bild oder Geräusch, welcher Geruch oder Geschmack erinnert dich an deine Heimat?

 

 

Ich kann mich gut an sinnliche Wahrnehmungen erinnern:

Zum Beispiel:

• Geruch von Kakao und Zuckerbrot, wenn wir vom Schlittenfahren nach Hause kamen;
• Geruch vom Badewasser und Holzofen, wenn wir samstags gebadet wurden;
• Obst direkt und ungewaschen aus dem Garten essen
• der Geruch der Nordsee bei Sturm

und unendlich viele Eindrücke mehr.

 

 

 

Kann man aus der Ferne mit der Heimat verbunden bleiben?

 

 

Ich denke, eigentlich geht das, vor allem mit der Familie. Allerdings entfremdet man sich auch von seinen Freunden.

Interessant ist für mich: Die engeren Freunde sind Freunde, die ich hier in Barcelona gefunden habe. Jetzt leben sie aber in Deutschland.

Ich merke: Wenn man aus der Heimat weggeht, bleibt man in gewisser Weise eine Fremde.

 

 

 

Vermisst du jemanden oder etwas aus deiner alten Heimat?

 

 

Nicht wirklich. Für die Personen, zu denen ich engen Kontakt halte, ist die Distanz kein Problem.

Man sieht sich 1-2 Mal im Jahr. Man trifft sich mal hier, mal dort oder auch mal gerne an einem dritten Ort.

 

 

 

Wenn du wieder in deine alte Heimat zurückgehen würdest:

Was würdest du dann vermissen von dem Ort, an dem du jetzt lebst? Würde dir etwas fehlen von deinem Leben, wie es jetzt ist?

 

 

Zurückgehen nach Deutschland schließe ich eigentlich aus. Nur ein Krieg oder eine Katastrophe könnte mich dazu bringen zurückzugehen.

Aber ich würde ganz bestimmt nicht nach Rüsselsheim gehen. Ich brauche die Großstadt inzwischen, um mich wohlzufühlen.

Wenn ich weggehen würde, würde ich mein Leben zurücklassen.

 

 

 

Hast du Heimweh? Oder hast du ein anderes Gefühl, wenn du an deine Heimat denkst?

 

 

Ich habe kein Heimweh. Im Gegenteil: Ich bin jetzt noch überzeugter als früher, dass es richtig war, wegzugehen.

Meinen Schülern und Freunden habe ich immer erzählt: Der Storch hat mich auf dem Weg in den Süden über Deutschland verloren*.

Ich bin hier in Spanien angekommen. Ich habe oft das Gefühl, dass ich nicht wirklich nach Deutschland gehört habe.

 

 

 

Möchtest du noch etwas zum Thema Heimat sagen?

 

Nein, ich habe alles gesagt.

 

 


 

Erklärung zum Text:

 

Storch/der Storch hat mich verloren:

 

Ein Storch ist ein Vogel mit langem Hals, langem Schnabel und langen Beinen. Es gibt viele weiße Störche.

Früher hat man Kindern manchmal erzählt: Der Storch bringt die Babys. Heute noch stellen manche Familien einen Storch aus Holz vor die Tür, wenn sie ein Baby bekommen haben.

 

 

[Beitragsbild von Christel]