05.10.2017

 

Dieser Beitrag gehört zu einer Interview-Reihe. Ich habe meine Leser und Leserinnen gefragt:

Wer möchte mir Fragen zum Thema “Heimat” beantworten? 
Einige haben sich gemeldet.

 

Auch Andrea wollte die Fragen beantworten. Sie hat angefangen zu schreiben. Aber dann ist etwas Unerwartetes passiert.

Hier ist der Text:

 

 

Andrea, wo hast du früher gelebt?

Wo lebst du jetzt?

 

 

Ich bin in Erfurt geboren.

Später bin ich nach Dresden gezogen. In Dresden habe ich meine Ausbildung gemacht.

Jetzt lebe ich in Berlin.

 

 

Wo ist deine Heimat?

(Denkst du, dass man nur eine Heimat haben kann? Oder kann man mehr als eine Heimat haben?)

 

 

Mit Erfurt und Dresden fühle ich mich verbunden.

Beides sind besonders schöne Städte. Da leben Freunde von mir. Dort sind viele meiner Erinnerungen. Dort bin ich immer wieder gern.

 

Mein Zuhause ist in Berlin.

Berlin ist so bunt. In Berlin gibt es viele tolerante Menschen.

Das macht mir das Leben leicht.

 

Aber meine Heimat ist im Moment eine Mischung aus: Familie, Freunden und Berlin.

Wichtig sind Menschen, die mich mögen.

Wichtig sind Menschen, die ich mag.

Wichtig ist ein friedlicher Ort, an dem ich sein kann, wie ich bin.

 


 

Als ich die Fragen weiter beantworten wollte, ist mir etwas Eigenartiges passiert. Etwas, womit ich so nicht gerechnet habe.

 

Ich habe über das Wort Heimat nachgedacht.

Die Fragen sollten ehrlich beantwortet sein.

Doch jetzt kann ich die Fragen leider nicht weiter beantworten.

 

Das kommt so:

Es gibt einen Unterschied zwischen Heimat und Zuhause. Jedenfalls für mich.

 

Zuhause kann ich überall sein.

In mir selbst, am Meer, in Städten, in Zelten und in Hotels.

Frieden ist gut dafür und Gemütlichkeit.

Eine Toilette scheint mir nützlich und eine Steckdose für meinen E-Rollstuhl.

Freunde natürlich und Pusteblumen und vielleicht Katzen.

Es bleiben Gerüche, Farben und Erinnerungen, die mein Leben ausmachen.

 

Aber Heimat?

Das Wort Heimat, hat einen unangenehmen Nachgeschmack. Jedenfalls für mich.

Erst denke ich, Heimat ist ein gutes Wort. Ein Wort mit Wurzeln und voller Sicherheit. Ich möchte es mit Limonade vergleichen. So süß wie gut.

 

Doch ganz bald schnürt das Wort mein Herz ein.

Es scheint mir beschmutzt und benutzt.

 

Das Wort Heimat macht mir Angst.

So als wenn da etwas in der Limonade schwimmt.

Ewas, das Menschen dort reingetan haben.

Etwas, was sie alt und gammelig schmecken lässt.

Etwas, was für manche Menschen gefährlich ist.

 

Ich kann das Gute in der Limonade nicht mehr schmecken. Ich sehe nur noch, was einmal dort hinein gemischt wurde. Und dann schüttelt es mich.

 

Später merke ich kaum, dass ich Limonade meide.

Auch wenn sie jemand neu macht.

Auch wenn jemand Quellwasser, beste Früchte, feinsten Zucker verkocht.

 

Doch wenn man mich fragt, erinnere mich. Ich erinnere mich an das, was in Limonade schwimmen kann.

 

So ist das mit Heimat für mich.

 



 

Das war der Text von Andrea.

 

 

Für alle Leser, die es wissen möchten:

Das waren die Fragen, die Andrea nicht mehr beantwortet hat:

 

  • Welches Bild oder Geräusch, welcher Geruch oder Geschmack erinnert dich an deine Heimat?

 

  • Kann man aus der Ferne mit der Heimat verbunden bleiben?

 

  • Vermisst du jemanden oder etwas aus deiner früheren Heimat?

 

  • Wenn du wieder in deine frühere Heimat zurückgehen würdest: Was würdest du dann vermissen von dem Ort, an dem du jetzt lebst? Würde dir etwas fehlen von deinem Leben, wie es jetzt ist?

 

  • Hast du Heimweh? Oder hast du ein anderes Gefühl, wenn du an deine Heimat denkst?

 

  • Möchtest du noch etwas zum Thema Heimat sagen?

 

 

Was ich gut finde: Andrea hat gemerkt, dass das Thema Heimat schwierig für sie ist. Sie hat aber nicht gesagt: Dann lasse ich es bleiben. Dann mache ich nicht mit.

Andrea hat trotzdem einen Text über Heimat geschrieben.

Auch ohne Antworten auf die Fragen erfährt man in dem Text: So geht es Andrea mit dem Thema Heimat. So denkt und fühlt Andrea, wenn sie über dieses Thema schreibt.

 

 

 

[Beitragsbild von Yvonne Griephan]